Es ist zu spät

Es ist zu spät

„Es ist zu spät.“

Henry sah bestürzt und wortlos zu Boden. Diese Worte trafen ihn wie ein Messer tief in die Brust.

Ich lachte. Mein Tag hatte etwas holprig begonnen, doch solche Momente heitern mich immer wieder auf. Ich war so stolz auf mich. Oh, ich vergaß mich vorzustellen. Was soll´s, mein Name ist sowieso unwichtig. Wichtiger ist es eher, was ich bin.

Ich, meine lieben Leser, bin der größte Meisterdieb dieses Jahrhunderts. Oh ja, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es vor meiner Zeit niemand besseren gab. Es mag eingebildet klingen, doch wer könnte meinen Erfolg schon leugnen? Die Schlagzeilen stolpern beinahe über meinen Ruhm. Einige bewundern mich, andere verachten mich, doch im Großen und Ganzen kennt mich jeder. Zumindest der zivilisierte Teil dieses Planeten. Dabei war es nicht immer so.

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich ganz neu ins Business einstieg. Damals war ich noch klein und unerfahren. Der Größte zu dieser Zeit war ein sogenannter „Mr. F“.  Ok, das ist nicht wirklich sein Name, doch damals waren die Namen eben altmodisch und ich darf meiner Geschichte doch etwas Pepp geben, oder?

Zurück zum Wesentlichen: Mr. F. war wie aus dem Nichts aufgetaucht und wurde so erfolgreich, dass innerhalb kürzester Zeit jeder Haushalt von seinen Machenschaften zu spüren bekam.

Warum Mr. F. so erfolgreich war? Eigentlich ist es ganz simpel. Ein unerfahrener Dieb kommt in einen Haushalt, nimmt alles mit, was er tragen kann, verwüstet die Wohnung und bringt die Katze um. Aber nicht Mr. F. Sein raffinierter Trick ließ die bestohlenen Menschen vorerst gar nicht merken, dass sie bestohlen wurden.

Der wesentliche Unterschied eines Meisterdiebes und eines gewöhnlichen 0815-Diebes ist ganz einfach: Der Wert des Gestohlenen. Und darin unterschied sich Mr. F. von den Anderen. Er rührte die scheinbar wertvollen Dinge nicht einmal an. Nein, er konzentrierte sich auf nur eine Sache. Und das war das Wertvollste, was ein Mensch je besitzen konnte. Und auch ich hatte es darauf abgesehen.

Mr. F. war gut, keine Frage, doch ich wollte es besser machen. Damals hätte niemand gedacht, dass jemand noch listiger und herzloser sein konnte. Aber hey, damals haben die Menschen auch geglaubt, dass es niemals einen schwarzen Präsidenten geben würde.

Wie gesagt, mittlerweile hat mein Erfolg solche Ausmaße angenommen, dass ich meine Opfer nicht mehr zählen kann. Und Henry ist einer von Ihnen.

Henry war Ende dreißig, groß, erfolgreich, ein junger sympathischer Kerl. Henry hat früh geheiratet, naja, zumindest früh für die heutige Zeit. Seine Frau war, auch nachdem sie ihren einzigen gemeinsamen Sohn Patrick geboren hatte, beneidenswert schön. Eigentlich hatte Henry alles, wovon er immer geträumt hat. Und natürlich hatte er, wer hätte das gedacht: Geld. Einen guten Job, ein schönes Haus, einen glanzpolierten BMW und eine nette Familienkutsche.

Jetzt stand er da. Sein Herz brach in tausend Stücke. Er verstand, dass er soeben bestohlen wurde.

„Josie, bitte gib mir noch eine Chance!“

Josie, seiner Frau, kullerte eine Träne herunter. Es tat ihr offensichtlich genauso weh. Doch was ihr am Meisten weh tat, waren all die Erinnerungen. So oft versprach er ihr, nicht mehr so viel Zeit mit mir zu verbringen. Sich Zeit zu nehmen für ihren Sohn. Zeit für sie. Ständig war er erreichbar. Ständig up to date. Sobald ihm etwas zu viel war, verkroch er sich in seinem Zimmer. Doch so konnte sie nicht mehr.

Henry verstand, dass er seine Frau verletzt hatte. Er verstand, dass er seinem Sohn so fremd war, wie kein Anderer. Und alles nur, weil ich ihn bestohlen hatte.

Und dann war da noch Andre. Ein dreizehnjähriger intelligenter junger Mann. Seitdem ich ihn kenne, war er immer begeistert von mir. Er verbrachte sehr viel Zeit mit mir, auch wenn seine Eltern irgendwann bemerkten, dass ich ihm nicht gut tue. Doch Andre wurde zu einem Opfer meiner Machenschaften, ohne es zu bemerken. Er fing an, alle, die gegen mich waren, zu hassen. Dazu gehörten nicht nur seine Eltern, sondern auch seine Lehrer und Freunde. Und bald war er ganz allein.

Meli, ein junges hübsches Mädchen, dass sich irgendwie nicht hübsch genug fühlte, war auch meine beste Freundin geworden. Sie investierte so viel Zeit, um sich mit meiner Hilfe zu präsentieren. Sie dachte, je mehr Zeit sie mit mir verbrachte, desto mehr Anerkennung würde sie bekommen. Mehr Likes, mehr Posts, mehr, mehr, mehr! Und sie merkte gar nicht, wie abhängig sie von mir wurde. Und wie ich all das stahl, was ihr eigentlich wichtig war.

Tut mir Leid, Mr. F., aber du musst selber zugeben, dass ich dich längst überholt habe. Der Name wäre deiner vielleicht würdig gewesen, doch heute bist du nur der alte, lahme Fernseher. Wer braucht dich schon, wenn sie mich haben?  

Und du, ahnungsloser Leser, fragst dich bestimmt: Was haben wir ihnen gestohlen? Ihre Zeit.

Und bestimmt habe ich auch dich bereits bestohlen.

Gruß,

Das Internet

Autorin: Jane Epp

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